Foto: Unser Projekt ist ESF-gefördert

Inklusive Akademie Oberhavel

Bildungsziel Arbeitsmarkt

 

Menschen mit Behinderung sind überproportional häufig arbeitslos. Das liegt nicht unbedingt an ihnen, nicht an Motivation, Fähigkeiten oder Handicaps. Vielfach werden sie durch hohe Barrieren „behindert“, ein angepasst normales Berufsleben zu führen.

Berufstraining als Perspektive

Sie erfahren Teilhabe an der Arbeitswelt als eine „versäulte“ Struktur, die den, der sich entwickeln möchte, eher eingrenzt als fördert. Entweder sie qualifiziert oder behauptet sich selbst, um auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt zu sein. Oder ihr und ihm bleibt nur der betreute Sonderarbeitsmarkt aus Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, wo sie jedoch nicht ihren Lebensunterhalt verdienen.

Eine berufliche Perspektive, wie sie die UN-Behindertenrechtskonvention verspricht, tut sich meist nicht auf. Niederschwellige Weiterbildung jedoch könnte diese durchaus eröffnen.

Projektträger SCS-Diakonie

Aus dem SCSD-Fachtag 2019 über „Teilhabe und Inklusion in ländlichen Räumen“ in der Orangerie des Schlosses Oranienburg ging deshalb die Initiative hervor, eine inklusive Akademie zur Weiterbildung von Menschen mit Behinderung für den Arbeitsmarkt aufzubauen.

 

SCSD Fachtag 2019 Oranienburg

 

Um ein Konzept zu erstellen, legte der Senior Consulting Service Diakonie ein Entwicklungsprojekt als Träger auf. Es ist mittlerweile das zweite – nach den Empfehlungen für einen kirchlich-diakonischen „Pfarrhof Gross-Breesen“ in Südbrandenburg (2019).

Beteiligt sind diesmal der Behindertenbeauftragte und Mitglieder des Arbeitskreises für die Belange behinderter Menschen der Stadt Oranienburg. Die Projektarbeit wird vom Land Brandenburg und dem Europäischen Sozialfonds aus Mitteln des Programms „Soziale Innovation“ finanziell gefördert. Sie läuft über sechs Monate von April bis September 2020.

Mit ESF zum Konzeptentwurf

Die Akademie soll Wege zum ersten Arbeitsmarkt und eine Alternative zu herkömmlichen Werkstätten (WbfM) aufzeigen. Sie strebt Qualifikationen für ausgewählte Tätigkeiten an, die im Netzwerk der Behindertenhilfe des Landkreises Oberhavel geschult werden. Ergänzend ist daran gedacht, Praktika und Arbeitsplätze in der Region zu vermitteln.

Beratung und Training werden – nach dem Prinzip des Peer Counseling – von behinderten Menschen für Menschen mit Behinderungen durchgeführt, auch um Alltagserfahrung und Vorbilder weiterzugeben. Auch die Akademie selbst organisiert sich als Inklusionsbetrieb.

Weiterbildung in 3 Modulen

Das Assessment (Modul 1)
sucht und findet persönliche Fähigkeiten und Kompetenzen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt gefragt sind. Im Einzelgespräch wie in der Gruppe werden Profile eines jeden Teilnehmers erstellt, die eine Grundlage für weiteren Bildungsweg darstellen.
 
Das Bildungsangebot (Modul 2)
in inklusiven Gruppen bringt Fähigkeiten und Kompetenzen hervor, die erlauben, ausgewählte Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt zu übernehmen. Schon heute bietet der Arbeitskreis für die Belange behinderter Menschen der Stadt Oranienburg den "Experten in eigener Sache" (Oranienburg inklusiv) an. Gemeint sind Menschen mit und ohne Behinderung, die Behörden oder Firmen in Fragen der Barrierefreiheit beraten.
 
Die Vermittlung (Modul 3)
sondiert gemeinsam mit jeder und jedem aus dem Teilnehmerkreis persönliche Pfade zu existenzsichernden Jobs. Es wird um Praktika und Arbeitsplätze geworben und zugleich ein Beschäftigungsnetzwerk im Landkreis Oberhavel ausgebaut.
 
Methode „Peer Counseling“

Das Peer Counseling-System ist ein wichtiges Element der konzeptionell zu entwickelnden Akademie. Es wird bereits seit 2018 in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) von „Betroffenen für Betroffene“ angewandt. In der Bildungsarbeit der Akademie entwickelt sich aus der Beratung eine pädagogische Methode des Unterweisens und Trainierens  - im Sinne der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“.

 


Handlungskonzept zum Aufbau einer inklusiven Akademie für den Arbeitsmarkt Im Landkreis Oberhavel

Präambel

Menschen mit Behinderung sind in unserer Gesellschaft überproportional häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Mit dem vom Land Brandenburg und dem ESF geförderten Entwicklungsprojekt „Aufbau einer inklusiven Akademie zu Weiterbildung von Menschen mit Behinderung für den Arbeitsmarkt“ sollen in Beispiel gebender Weise im Landkreis Oberhavel Wege zur Verbesserung der Situation konzipiert und Ansätze für die mögliche Umsetzung aufgezeigt werden.

Motivierende Grundlage aller Bemühungen ist die UN-Menschenrechtscharta im Artikel 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Solidarität begegnen“ sowie das deutsche Grundgesetz insbesondere mit seinem Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und Artikel 3 „... niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Weitere grundlegende Richtschnur für das konkrete Handeln im Rahmen des Projektes sind die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention des Artikel 24 zum Recht auf Bildung: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen“ sowie Artikel 27 (Arbeit und Beschäftigung) „Die Vertragsstaaten anerkennen das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird.“
Diese Prämissen werden bei der Verwendung der SGB III und SGB IX – inklusive der Qualifizierungsmaßnahmen für den Arbeitsmarkt – effektiv berücksichtigt.

Als Folge der Corona-Pandemie wird deutlich, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt gravierend verschlechtert. Zunächst erwogene Tätigkeiten wie z.B. in der Gastronomie, Hotellerie, Küchenbereiche, Handel, verarbeitendes Gewerbe sind z.T. stillgelegt oder stark reduziert. Insofern wird es schwierig sein, in diesem Arbeitsbereich geeignete Tätigkeiten zu finden.

Nach gewonnenen Recherchen besteht ein erheblicher regionaler aber auch überregionaler Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften, auch an Assistenzkräften für Menschen mit Pflege- oder/und Betreuungsbedarf. Wir stellen fest, dass auch manche Menschen mit Behinderung in diesem Tätigkeitsfeld ganz im Sinne der aufgeführten Menschenrechte über die hier geforderten menschlichen Potentiale verfügen. Daher ruht der Schwerpunkt bei dem vorliegenden Planungskonzept zunächst auf diesem Arbeitsfeld.

Oranienburg
Stand: Juni 2020


Mehr Informationen:

"Ein Projekt stellt sich vor: Inklusive Akademie Oberhavel" (PDF/310kb)