Neuerscheinung Frühjahr 2020

Kirche im Quartier: Die Praxis

Ein Handbuch
für sozialraumorientierte Projekte von Kirchengemeinden
mit Zeichnungen von Sisam Ben
herausgegeben von Prof. Dr. Georg Lämmlin und  Prof. Dr. Gerhard Wegner
 
unterstützt von Senior Consulting Service Diakonie,
Sozialwissenschaftliches Institut der EKD (SI-EKD),
Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank), Verka VK Kirchliche Vorsorge
 
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April 2020
Paperback, 360 Seiten, 29€, auch als E-Book
WGS 2543  ISBN 978-3-374-06523-3

 

35 Autor*innen schreiben als Praktiker für Praktiker

Sie setzen sich dafür ein, dass sich Kirche und Diakonie am Sozialraum orientieren. Was auch bedeutet, Ehren- wie Hauptamtlichen zu ermöglichen, professionell vorzugehen. Mit Beispielen von  „Community Organizing“ ermutigen sie neue Initiativen in der Stadt und auf dem Land.

„Sozialraumorientierung bezieht sich ausdrücklich auf die auch in der evangelischen Kirche bereits in den 1970er Jahren breit verankerte Theorie und Praxis der Gemeinwesenarbeit … Sie verfolgte einen Sozialarbeits-Ansatz, der auf die Veränderung von Lebensverhältnissen ausgerichtet war und nicht nur die Therapie des je Einzelnen beinhaltete.“ (Georg Lämmlin, Gerhard Wegner)

Sozialräume sind keine Territorien

Sie werden nicht von Straßen oder Stadtquartieren, von Dörfern oder Landkreisen bestimmt, sondern existieren durch Menschen, deren Netzwerke und Lebenswelten. Mithin überschneiden sie sich. Oder trennen Milieus. Engen räumlich stark ein oder greifen weit aus. Jüngere empfinden sie anders als Ältere.

„Fragt man nach tatsächlichen Bewegungen im Raum und nach der Bedeutsamkeit von Räumen, dann wird erst sichtbar, dass sich der Sozialraum nicht in eine Karte einzeichnen lässt, sondern immer wieder neu entsteht. Wird dies außer Acht gelassen, besteht die Gefahr, dass Räume erneut zu erstarrten Containern werden, die mit tatsächlichen Sozial- und Lebensräumen wenig zu tun haben und den Menschen, die in ihnen leben, nicht entsprechen.“ (Ellen Eidt, Saranda Frommold)

Natürlich binden sich komunale Politik, soziale Dienste wie auch Nachbarschaft an Gebiete. Doch als Methode sieht Hans-Jürgen Benedict ein altes Parochialprinzip, das in Flächen denkt, in der Krise.  

Wille und Eigeninitiative bilden den  Markenkern

Zwischen Territorium und Sozialraum zu unterscheiden, ist nur das erste von „zehn Geboten“, die Wolfgang Hinte weitergibt. Ferner soll sozialräumliche Arbeit niemals versuchen, Menschen zu erziehen oder nur ihre Wünsche zu erfragen. Vielmehr baut sie auf den Willen der Adressaten, auch wenn nicht jeder Wille zum Ziel führt. Sie unterstützt Eigeninitiative, anstatt engagiert zu betreuen, sich gar von Lob und Dank verführen zu lassen.

„In den untersuchten 22 Lebensraumprojekten war immer wieder zu erleben, dass Menschen in diesen Räumen zunächst wie Konsumenten reagierten und konkrete Hilfen erwartet haben. Sie werden nur dadurch zu Akteuren, wenn sie in ihren Notlagen ernst genommen werden und entsprechende Hilfe erfahren. Nur ein Teil lässt sich dann weiter mobilisieren und ist auch bereit, in diesen Netzwerken eine aktive Rolle zu übernehmen. Solidarität fällt nicht vom Himmel.“ (Udo Fr. Schmälzle)

Gemeinsam gilt es, persönliche, oft verborgene, Fähigkeiten systematisch zu entdecken und danach Bedarf und Ideen klug mit Mensch und Ressource zu arrangieren. Sich in Netzwerken abzustimmen, ist sinnvoll, solange sie  nicht zum Selbstzweck betrieben werden. Denn Kooperation überwindet Konkurrenz.

„Netzwerke sind nicht aus sich heraus gewinnbringend, sondern tragen nur dann zur gemeinsamen Entwicklung bei, wenn sie individuelle und gemeinsame Interessen und Ziele verfolgen.“ (Peter Meißner)

Beteiligung provoziert Widersprüche

Der Ansatz versteht sich als emanzipatorisch, beantwortet Ohnmachtserfahrungen mit Empowerment (Udo Fr. Schmälzle). Etwas mit Gleichgesinnten in die Hand zu nehmen, verschlingt Zeit und Geduld, bewahrt nicht vor Frustration. Debatten und Ärger, Zielkonflikte und Sackgassen, Macht- und Konfliktgerangel (Hans-Jürgen Benedict) gehören dazu.

„Es gibt positive Resonanzen – aber auch unerwartete Widerstände. Das ist normal. Überall, wo etwas Neues entsteht, verändert sich die Situation auch für die Akteure, die hier – und auf diesem Gebiet – schon länger tätig sind. Damit das Vorhaben nicht von äußeren Widerständen erstickt wird, braucht es ein Netzwerk von Partnern und Sympathisanten, die es stützen und unterstützen.“ (Christoph Nötzel)

„Es gibt auch ‚schmutzige‘ Gaben und problematische, z.B. kriminelle Netzwerke.“ (Frank Schulz-Nieswandt)

Projekte brauchen Zeit zum Reifen

Thomas Stolle und Udo Fr. Schmälzle warnen davor, dass der Staat sich zurückzieht, wo Bürger *innen sich organisieren. Notwendig wäre das Gegenteil. Zuwendungsgeber sollten solche Projekte weit über die üblichen zwei bis drei Jahre hinaus fördern, da sich Menschen und soziale Räume in weitaus längeren Zeiträumen entwickeln.

„Teilhabe und Teilgabe für alle als Ergebnis einer konsequenten Beteiligungskultur zielt darauf ab, von den Gaben und Begabungen der Menschen, die am Ort leben, her zu denken, sie wahrnehmen, kennenzulernen und Möglichkeiten zu eröffnen, sie einzubringen.“ (Jörg Stoffregen)

Kirchengemeinde begibt sich in Integrationsphase

Sie löst sich aus dem Nebeneinander von Gemeinde, Diakonie und Kirchenkreis, überschreitet Grenzen ihres Sprengels, verlässt ihre Sonderwelt, öffnet sich und wechselt Pespektiven.  Indem sie eine neue soziale Lebensform des Glaubens entwickelt, wird sie zur missionalen Kirche (Christoph Nötzel).

Sie treibt nicht Mission, sondern ist in Mission – dort, wo Leute kirchenfeindlich oder zumindest kirchendesinteressiert sind (Matthias Paul). Dabei beweist sie sich nicht durch Autorität, sondern durch Integrität (Ricarda Dethloff).

„Ohne irgendjemanden vereinnahmen zu wollen, möchte ich vorschlagen, von einem wirksamen und kooperativen Prinzip der Gerechtigkeit und Güte auszugehen, das in den monotheistischen Religionen mit Gott dem Barmherzigen und Gerechten identifiziert wird, in säkularen sozialen Bewegungen als Solidarität und Zivilcourage erscheint, in der sozialen Arbeit als Unterstützung und Verstehen praktiziert wird und gemeinwesenökonomisch sich Mobilisierung, Aktivierung und Projektentwicklung nennt.“ (Hans-Jürgen Benedict)  

Am Anfang stehen Analyse und Aushandeln

Sich für Sozialräume zu öffnen, beginnt auch mit Gemeindeanalyse und Themenfindung (Peter Meißner), gefolgt von einer Stärken- und Ressourcenanalyse (Ricarda Dethloff). Die Programmplanung entsteht aus einem Prozess des Aushandelns all jener Aufgaben, die eine Kirchengemeinde innen und außen übernehmen will. Dabei wird sie sich fragen, wen sie anders als bisher erreichen möchte – unter Gemeindemitgliedern, Christen und Einwohner*innen, was von ihr erwartet wird und wie sie Erwartungen erfüllen kann und möchte.

"Vier Dinge also: Menschen zusammenbringen und in Bewegung bringen, Strukturen schaffen und offen bleiben“ (Miriam Meyer, Michael Ellendorff, Armin Oertel)

Kirchliches Handeln, dass sich an Bedürfnissen ausrichtet,  wird  projekthaft, vorläufig und korrigierbar (Gunther Schendel). Es verlangt nach multiprofessionellen Teams, die gleichermaßen im Religiösen wie im Sozialen kompetent sind. Deswegen wird Sozialraumorientierung verstärkt Teil der Ausbildung für Pastor*innen, wie zuvor bereits für Diakon*innen und Gemeindepädagog*innen.

„Die Einführung der Sozialraumperspektive bedeutet mehr als die Einführung bestimmter Tools. Sie verändert den Blick auf die Kirche und auf die Rolle der kirchlichen Akteurinnen und Akteure, ähnlich wie das schon unter den Vorzeichen der Gemeinwesenarbeit und der ‚Milieubrille‘ war.“ (Gunther Schendel)

Klaus-Martin Strunk empfiehlt eine spirituelle Variante der SCRUM-Methode. Projekte werden gar nicht erst vom Anfang bis zum Ende geplant. Denn unterwegs erwarten die Teilnehmer*innen viele neue Einsichten, Anforderungen und Auseinandersetzungen. Weshalb sie schnell und flexibel auf neue Lösungswege einschwenken müssen. Lediglich das gewünschte Ergebnis behalten sie stets im Auge. Wie eine Mannschaft, die auf Sieg aus ist, ohne den Spielverlauf zu kennen.

Soziale Religion zirkuliert Solidarität

Eine sozial aufmerksame Kirchengemeinde lässt sich auf einen Spagat ein: zwischen ihrem religiösen Markenkern  aus Gottesdienst, Bildung, Geselligkeit, Diakonie und dem gesellschaftlichen, außerkirchlichen Engagement im Sozialraum. Für Hans-Jürgen Benedikt vertritt sie eine spirituelle Ökonomie, die in Kommunalpolitik und Stadtentwicklung deutlich macht, dass neben Geld- und Warenkreisläufen auch nicht verrechenbare Kräfte wie Solidarität und Nächstenliebe zirkulieren.

„Ich bin überzeugt: Wo solche Projekte, wie hier beschrieben, entstehen, entwickeln sich neue Formen von Glauben, von Religiosität und von sozialer Kreativität, in denen Kirche und Diakonie sich – mit und für die Menschen daseiend – neu entdecken. Und wo sich dies herumspricht, braucht man sich um die Zukunft der Kirche, auch wenn sie kleiner wird, keine Sorgen zu machen.“ (Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland)

Zu mobilisieren wären beispielsweise die Älteren, weil sie Zeit und Interesse haben, sich ehrenamtlich zu engagieren, oder weil sie eben diese Nachbarschaftshilfe benötigen, um am gesellschaftlichen Leben unverändert teilzunehmen (Cornelia Coenen-Marx). Mit Hilfe des sozialen Arbeitsmarktes liesse sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen schaffen (Thomas Stolle).

Am Ende formiert sich eine inklusive Gemeinde

Altenpflege und Eingliederungshilfe müssten mitten im Leben einer inklusiven Gemeinde stattfinden. Deshalb braucht nicht nur die Wahl zwischen ambulanten und stationären Angeboten, sondern innovative Wohnformen, die eingebettet sind in achtsame Nachbarschaft und kommunale Infrastruktur. Modell sollten zur Regelversorgung werden, etwa die Rückkehr der Gemeindeschwester (Frank Schulz-Nieswandt).

„Kirchen geben Raum … Hier ist Kreativität gefragt, um den Bedarf einer Gesellschaft im Umbruch zu erfüllen. Es gibt keine Patentrezepte, aber bereits gute Praxisbeispiele, wie dieses Buch zeigt. Wenn Kirchen, Kommunen und Diakonie hier gemeinsam aktiv werden, bin ich zuversichtlich, dass es gelingen kann.“ (Dr. Ekkehard Thiesler, Vorsitzender des Vorstands, Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank)

Wie es geht, belegen Projekte

Kultur-Kirchen (Johann Hinrich Claussen) und Vesper-Kirchen (Claudia Schulz), Modell „Internationale Evangelische Gemeinschaft Wuppertal“ (Christoph Nötzel), Kirche als Zentrum zwischen altem und neuem Wohngebiet (Michael Schneider; Wasserstadt Limmer/Hannover) und als Akteur der Stadtentwicklung (Detmar Schäfer),

„Am Ende stand ein Konzept mit konkreten Handlungsoptionen zur Gründung einer Inklusionsfirma für Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Anwesen des Pfarrhofes in Groß Breesen als Ort der Teilhabe für alle.“ (Bernt Renzenbrink, Vorsitzender des SCSD)

Quartiersentwicklung in Winterhude-Uhlenhorst (Miriam Meyer, Michael Ellendorff, Armin Oertel) oder in der Burgdorfer Südstadt (Matthias Paul), Gemeinwesenarbeit im ländlichen Raum (Marlis Winkler), Sozialraumanalyse für die Diakonie (Ellen Eidt, Saranda Frommold)

EdelKreis-Läden für nachhaltigen Warenkreislauf (Andreas Bauer), Teilhabe von Menschen mit Fluchtgeschichte (Birgit Susanne Dinzinger, Evangelische Landeskirche in Württemberg), Menschen mit Behinderungen unterwegs im Stadtteil (Ute Quednow, Sabine Howind, Raphael Klein, Katja Musahl; Diakonie Himmelsthür)  

Die einen geben Raum, Gebäude und Grundstücke, andere ihren persönlichen Einsatz und wieder andere Spenden und Fördermittel.

„Ihr Fundraising sollte immer ein guter Mix aus verschiedenen Instrumenten und auf die Zielgruppen zugeschnitten sein. Zugleich darf er Ihre Organisation weder personell noch finanziell überfordern.“ (Ingrid Alken)

 

Prof. Gerhard Wegner 2019

Prof. Dr. Gerhard Wegner, Herausgeber

war von 2004 bis 2019 Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover.

Derzeit gehört er dem Kuratorium der Stiftung Sozialer Protestantismus und dem Beirat von Denkwerk Demokratie an, ist ständiger Gast der Kammer der EKD für soziale Ordnung und außerplanmäßiger Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Marburg.

www.gerhardwegner.de

 

Georg Lämmlin SI-EKD

Prof. Dr. Georg Lämmlin, Herausgeber

ist seit Dezember 2019 Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kirchen- und Religionssoziologie, Wirtschafts- und Sozialethik, Gesellschaftspolitik.
 

Seit 2014 lehrt er Praktische Theologie als außerplanmäßiger Professor.

georg.laemmlin@si-ekd.de

 


Mittendrin im Sozialraum Kirche und Diakonie

SENIOR CONSULTING SERVICE DIAKONIE BIETET AN: BERATUNG, ENTWICKLUNG UND BEGLEITUNG VON PROJEKTEN